Bei bestem Winterwetter – Schneekulisse unter strahlendem Sonnenschein – fand der fünfte „Tag der Städtepartnerschaften“ am 19. Januar 2024 im Landtag NRW statt. Die rund 250 Teilnehmenden waren aus allen Teilen Nordrhein-Westfalens angereist, um sich einen Tag lang zu kommunalen Partnerschaften auszutauschen.

Nachdem der vierte „Tag der Städtepartnerschaften“ am 12. November 2021 unter Pandemiebedingungen hatte stattfinden müssen, war das Interesse an Austausch und Vernetzung nun nach mehr als zwei Jahren spürbar groß – die besondere Örtlichkeit im Plenarsaal des Landtags tat ein Übriges, um die Zahl der Vereins- und Kommunalvertreter*innen und Multiplikator*innen aus Landes- und Bundesebene mehr als zu verdoppeln und damit auf ein Rekordniveau zu bringen.

Die Auslandsgesellschaft.de e.V. veranstaltet den „Tag der Städtepartnerschaften“ als Biennale seit 2015. Die eintägige Konferenz bietet allen nordrhein-westfälischen Städten, Gemeinden und Kreisen, die Städtepartnerschaften unterhalten oder sich dafür interessieren, eine Plattform für thematische Impulse, Austausch und Vernetzung. Der Einladerkreis umfasst neben Kommunen die Zivilgesellschaft sowie die kommunalen Spitzenverbände, Vertreter internationaler Organisationen und weiterer Multiplikatoren.

Die fünfte Auflage der Biennale läutete für die Auslandsgesellschaft gleichzeitig auch ihr Jubiläumsjahr ein: seit 75 Jahren setzt sie sich mit einem vielfältigen Bildungs- und Austauschprogramm für Völkerverständigung, Humanität und Toleranz ein.

v.l.n.r.: Wolfram Kuschke, Staatsminister a.D., Berivan Aymaz, 2. Vizepräsidentin des Landtags NRW, Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft

Begrüßung Berivan Aymaz, 2. Vize-Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen

Zunächst begrüßte Vizepräsidentin Berivan Aymaz als Hausherrin die Teilnehmenden im vollbesetzten Plenarsaal und eröffnete den „Tag der Städtepartnerschaften“. Sie würdigte Städtepartnerschaften als „Brücken der Begegnung“, die direkte Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen ermöglichen und dadurch Vorurteile abbauen. Gerade in Zeiten, in denen die „große Politik“ auf internationalem Parkett mit vielfachen Herausforderungen konfrontiert sei, seien diese besonderen Netzwerke der Kommunen von unschätzbarem Wert, so Aymaz. Sie seien ein Katalysator für das zwischenmenschliche Miteinander. Durch den Austausch von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur erhielten die Menschen – insbesondere die jungen – Einblicke in andere Perspektiven, und zwar stets auf der Grundlage der Achtung der Menschenrechte und auf dem Boden der demokratischen und freiheitlichen Werte. „Städtepartnerschaften wirken nicht nur in die Welt hinaus, sondern auch nach innen. Denn eine lebendige Zivilgesellschaft ist die stärkste Antwort gegen die Feinde der Demokratie“, so Aymaz, und rief in diesem Sinne dazu auf, Städtepartnerschaften zu fördern und zu stärken.

Begrüßung Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft.de e.V.

Klaus Wegener, der Präsident der Auslandsgesellschaft.de e.V., sprach im Anschluss und richtete seinen Dank ebenso wie Berivan Aymaz an die Teilnehmenden, von denen viele ihr Engagement für Städtepartnerschaften im Ehrenamt ausübten. Er erwähnte, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Städtepartnerschaften den Nährboden für erste Friedenspflänzchen bildeten, eine ausstreckte Hand der Menschen aus den Ländern, gegen die Deutschland Krieg geführt hatte. Nach einer Vorausschau auf die geplanten Veranstaltungen und Projekte des Jubiläumsjahres der Auslandsgesellschaft kam Wegener auf die langjährige wissenschaftsbasierte sowie praxisorientierte Arbeit zu sprechen, die das Kompetenzteam „Städtepartnerschaften und europäische Zivilgesellschaft“ der Auslandsgesellschaft seit 2009 unter der ehrenamtlichen Leitung ihres Kuratoriumsvorsitzenden, Staatsminister a.D. Wolfram Kuschke leistet. Herausgekommen seien dabei u.a. Studien und Bestandsaufnahmen zu Städtepartnerschaften in NRW, praktische Leitfäden, und themenspezifische Publikationen wie etwa eine zum Thema Migration und Integration, aber auch der Aufbau der „Netzwerkstelle Städtepartnerschaften“ sowie Veranstaltungen wie der „Tag der Städtepartnerschaften“.

Ein besonderer Dank ging aber auch an Frau Aymaz und die gesamte Landtagsverwaltung für die Möglichkeit, in dem Jubiläumsjahr der Auslandsgesellschaft den 5. Tag der Städtepartnerschaften im Landtag abzuhalten.

Grußwort Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 

In einem Videogrußwort wünschte auch Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, den Engagierten aus den Kommunen, Kreisen und Vereinen einen fruchtbaren Austausch und dankte ihnen für ihren Einsatz. Dabei verwies sie insbesondere auf die aktuell bedeutende Rolle der deutsch-ukrainischen Städtepartnerschaften, deren Zahl seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 sich mehr als verdoppelt, in NRW sogar mehr als versechsfacht hat. Sie ermutigte alle Partnerschaften, ihr Engagement fortzuführen – als wichtigen Beitrag für eine friedliche und nachhaltige Entwicklung weltweit. Dazu unterstütze das BMZ insbesondere Partnerschaften mit Städten und Gemeinden des Globalen Südens über die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt mit finanzieller Unterstützung, Beratung und Austauschmöglichkeiten, so Schulze.

Svenja Schulze, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung | Videogruß

Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, sprach im Anschluss über den Wert von Städtepartnerschaften.

Er freute, so viele „Praktiker der Demokratie“ im Landtag versammelt zu sehen, und sehe den wichtigen Impulse entgegen, die von der Veranstaltung heute zu erwarten seien. „Kommunen sind die politischen Seismographen“, so Liminiski; als bürgernächste Ebene nähmen sie Stimmungswechsel frühzeitig auf, in diesem Sinne gelte „all politics is local“. Dabei sei die Kommunale Selbstverwaltung in Deutschland eine große Stärke, der Föderalismus trage zum Wettbewerb der Ideen bei. Allerdings seien Kommune auch immer schon, und heutzutage umso mehr, auch internationale Akteure gewesen, und „all international politics is local“. Denn alle internationalen Themen und Ereignisse werden vor Ort erlebt, bei den Kommunen – ob es sich um die Verfügbarkeit von Medikamenten, die Aufnahme von Geflüchteten oder die Heizungskosten handle – die Krisen weltweit fänden ihren Niederschlag in unseren Kommunen.

Mit Blick auf die aktuellen, zu erwartenden oder teilweise auch zu befürchtenden weltpolitischen Ereignisse rief Liminski in Erinnerung, dass unsere Sicherheitslage in Europa kritisch sei, und viele Menschen ihre eigene Sicherheit als bedroht empfänden – dies führe zu Angst, Angst wiederum sei ein schlechter Ratgeber und befeuere Populismus. Trotz berechtigter Sorgen warb Liminiski jedoch dafür, Resignation nicht zulassen und Ohnmacht zu überwinden. Es könne keine Lösung sein, schlechten Nachrichten aus dem Weg zu gehen – im Gegenteil müsse man Demokratie aktiv schützen und sich fragen, welches Maß an Engagement man bereit sei zu geben. Wichtig sei, zu erkennen, dass das Gemeinsame größer sei als das Trennende.

„Subnationale Diplomatie gewinnt immer mehr an Bedeutung“, rief Liminiski den städtepartnerschaftlich Engagierten in Kommunen und Vereinen zu, und nannte konkrete Beispiele aus NRW, Europa und den USA, bei denen Kommunen und Regionen ihren jeweiligen Landes- oder Bundesregierungen vorangingen bei nachhaltiger Entwicklung, Klimaschutz, Rechtstaatlichkeit und der Bewahrung von Menschenrechten. Jede Partnerschaft, so Liminiski, mache einen Unterschied, jede sende eine Botschaft. So seien die Kommunalpartnerschaften mit der Ukraine die Botschaft, dass die Ukraine nicht alleine gelassen werde.

Mit Blick auf die historische deutsch-französische Freundschaft brach Liminiski eine Lanze gerade für die städtepartnerschaftlichen Beziehungen kleiner Kommunen, denn es seien nicht die Regierungen, sei nicht die Politik, die Beziehungen organisieren könnten, sondern die Menschen vor Ort.

Vor dem Hintergrund der Krise vieler Partnerschaften, und insbesondere der Vereine und ihrer Nachwuchssorgen, sprach sich Liminiski für ein „Revival des Konzepts der Städtepartnerschaften“ aus. Von Seiten der Landesregierung sei das Bekenntnis zu Städtepartnerschaften ebenso da wie niederschwellige Instrumente zu ihrer Förderung – so etwa mit den Europawochen, dem Grenzlandpreis, der Zusammenarbeit im Regionalen Weimarer Dreieck, der Landesservicestelle für Engagement und Ehrenamt, den Auszeichnungen „Europaaktive Kommune“ und „Europaaktive Zivilgesellschaft“ sowie vielen weiteren Initiativen.

Mit Blick auf die kommenden Europawahlen, aber auch auf weitere bedeutsame Wahlen weltweit rief Liminiski zu konstruktivem Miteinander auf, zu einer Mehrheit „für“, nicht eine Mehrheit „gegen“. Aufgabe von Politik sei es dann, Lösungen zu finden für die Sorgen der Menschen. Doch Europa könne weiterhin nur von unten entstehen, und dafür brauche es mutige europäische Bürgerinnen und Bürger. Mit dem Appell, die heutigen Gespräche und Diskussionen auch in ihren Alltag hineinzutragen, wünschte Liminiski der Veranstaltung gutes Gelingen und gute Gespräche. 


Podiumsdiskussion: „Städtepartnerschaften – Strategieinstrument der

In der folgenden Podiumsdiskussion nahm Wolfram Kuschke, Staatsminister a.D., Kuratoriumsvorsitzender der Auslandsgesellschaft.de e.V. und ehrenamtlicher Leiter der Netzwerkstelle Städtepartnerschaften mithilfe der Podiumsgäste die verschiedenen Bereiche in den Blick, in denen Städtepartnerschaften den Kommunen aktiv werden können. Auch hier kamen sowohl die Wirkungen nach außen wie auch diejenigen hinein in die eigene Kommune zur Sprache.

So bot zunächst Prof. em. Dr. Uwe Andersen, emeritierter Professor für Politikwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, einen Überblick über Motive, Methoden und Ergebnisse der bisherigen Forschung zu Städtepartnerschaften. Gemeinsam mit dem Kompetenzteam „Städtepartnerschaften und europäische Zivilgesellschaft“ der Auslandsgesellschaft erforscht er seit 2009 dieses Themenfeld, neben zahlreichen Forschungsprojekten und Publikationen zu den Schwerpunkten deutsche Innenpolitik und Afrika sowie Regionalpolitik und Ruhrgebietsforschung. Andersen hob insbesondere die Verdienste der ost-west-deutschen Städtepartnerschaften im Zuge der Wiedervereinigung hervor – und eine kurze Umfrage im Saal ergab, dass, wie auch empirische Befunde belegen, viele davon bis heute sehr lebendig sind. Für die Forschung zu Städtepartnerschaften sei die Zusammenarbeit mit den Kommunalen Spitzenverbänden besonders hilfreich gewesen, so Andersen.

Andreas Wohland, Beigeordneter im Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen, und dort im Dezernat I zuständig für eine ganze Reihe von Themen – Recht und Verfassung, Europarecht – Grundsatzfragen, Staats- und Kommunalverfassung, Verwaltungsmodernisierung, Öffentliches Dienstrecht, Ausländerrecht, Ordnungsrecht, E-Government, Integration, Feuer-, Zivilschutz – konnte von seiner Seite bestätigen, dass die Verwaltungsspitzen in den Kommunen viel Wertschätzung für Städtepartnerschaften hätten. Nicht nur seien sie niederschwellige Angebote, leicht zugänglich für alle Bevölkerungsgruppen zur Auseinandersetzung mit internationalen Thematiken, sondern sie hätten zumeist sehr pragmatische Projekte und Ziele, die unmittelbar der Kommune und den Menschen darin zugutekämen. Mit relativ geringem finanziellen Input würden hier großartige Ergebnisse erzielt. Kommunale Partnerschaften fielen zwar unter die freiwilligen Aufgaben der Kommune, und nicht jede Kommune würde hier aktiv; sie zu den Pflichtaufgaben zu machen, würde die Entscheidungsspielräume der kommunalen Selbstverwaltung jedoch zu sehr einschränken. Ob und wie welche Partnerschaften geschlossen und gelebt würden, sei Teil der Identität jeder einzelnen Kommune, dafür benötige sie jedoch „Freiraum für Experimente“, so Wohland.

Frank Balkenhol, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Solingen GmbH & Co., betrachtet, begleitet und fördert Städtepartnerschaften bereits seit vielen Jahren aus der wirtschaftlichen Perspektive heraus. Er sieht eine enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Bildung, insbesondere für eine internationale Wirtschaft wie die in Deutschland sei internationale Bildung ein Schlüsselelement. Neugier wiederum sei die Triebfeder für den internationalen Austausch. Die Stadt Solingen pflegt 8 Städtepartnerschaften, u.a. in Polen, den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien, Israel, Senegal, Nicaragua und in Sachsen. Die Partnerschaft zu Nes Ziona in Israel besteht seit 1986, Delegationsreisen von Solinger Unternehmen nach Israel im Rahmen bzw. vor dem Hintergrund der eigenen Städtepartnerschaft gibt es bereits seit einigen Jahren, sie seien explizit „Teil eines Internationalisierungsprozesses der Stadt Solingen zum Ausbau des Wirtschaftsstandortes Solingen.“ Balkenhol plädierte in diesem Zusammenhang für die verstärkte „horizontale Verknüpfung von Themen“ – also die Zusammenarbeit von Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Fachbereichen und weiteren Akteuren einer Stadtgesellschaft.

Als ehemalige Präsidentin des Landtags NRW sowie ehemalige langjährige Vorsitzende der Parlamentariergruppe Türkei des Landtags schlug Carina Gödecke den Bogen von den wirtschaftlichen Aspekten von Kommunalpartnerschaften wieder zurück zu den außen- und innenpolitischen Funktionen, die diese Partnerschaften erfüllen. Als Beispiel nannte sie die über dreißig Partnerschaften, die NRW-Kommunen mit der Türkei pflegen; alle seien verschieden organisiert und in unterschiedlichem Maße aktiv. Ihren 2019 vorgenommenen ambitionierten Plan, sie alle in NRW zu besuchen, hatte Gödecke zwar pandemiebedingt nur zu zwei Dritteln ausführen können, sie unterstrich jedoch die Bedeutung, die jede einzelne dieser Partnerschaften habe, und zwar nicht nur für die jeweiligen Partnerkommunen, sondern auch gesamtgesellschaftlich und aus einer Landesperspektive heraus. Zwar gebe es keine Automatismen für ausnahmslos positive Auswirkungen von Städtepartnerschaften, Polarisierung könne auch trotz bestehender Partnerschaften stattfinden und man dürfe daher Kommunalpartnerschaften und ihre Rolle weder überhöhen noch verdammen. Dennoch sprach sich Gödecke für Städtepartnerschaften aus auch mit Staaten, deren Werte sich von den eigenen unterschieden; „urban diplomacy“ tauge ja gerade dazu, Gesprächskanäle offen zu halten, zur Versachlichung von Debatten beizutragen, gemeinsame Werte zu erhalten und zu fördern, und Visionen zu entwickeln. Gerade in Regionalpartnerschaften liege dabei ein großes Potential im Hinblick auf gemeinsame Strategie und Synergien, und die Möglichkeit für ein Bundesland, gezielt Verantwortung und auch koordinierende Funktionen zu übernehmen.

Als Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW sowie der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW konnte Prof. Dr. Andrea Walter insbesondere aus ihren Ergebnissen der Zivilgesellschaft- und Engagement-Forschung berichten. Ihr gemeinsam mit Matthias Freise 2021 veröffentlichtes Buch „Miteinander – Füreinander – Zivilgesellschaft in Nordrhein-Westfalen“ zeichnet einen Überblick über die Facetten zivilgesellschaftlichen Lebens unseres Bundeslandes und verdeutlicht die aktuellen Herausforderungen, vor denen die Zivilgesellschaft in Nordrhein-Westfalen steht. Das Buch, das bei der Landeszentrale für politische Bildung erhältlich ist, schließt eine Lücke der Engagementforschung in NRW und enthält wertvolle Hinweise für Vereine, die sich auf die veränderten Rahmenbedingungen in der ehrenamtlichen Arbeit einstellen wollen bzw. müssen. Zentral dafür, so Walter, sei es, „voneinander zu lernen“; so stünde umfangreiches Wissen und reiche Erfahrung innerhalb vieler Vereine zur Verfügung, was aber nur durch Austausch auch für andere nutzbar gemacht werden könne.

Einig waren sich die Podiumsgäste darin, dass der Grundstein für das Engagement in Kommunalpartnerschaften und das Interesse und die Begeisterung für internationale Thematiken schon in der Kindheit zu vermitteln, und daher die Schulen bei derartigen Initiativen unbedingt zu beteiligen seien. Auch die besondere Identität jeder Kommune kam mehrfach zur Sprache, und das Potential, das darin liege, die einzigartigen Voraussetzungen und Möglichkeiten vor Ort, das Wissen um die eigenen Netzwerke strategisch einzusetzen.

Als Lektüreempfehlungen für Praktiker*innen aus Kommunen und Vereinen zur Vertiefung der angesprochenen Themen nannte Wolfram Kuschke:


Mittagsimbiss & Vernetzung bei einem Speed-Dating zu Finanzierung & Fördermitteln

Großen Anklang fand in der Mittagspause das Angebot der insgesamt zehn Info-Stände mit ihren Angeboten zur Informationsvermittlung, Förderung und Vernetzung im Bereich von Städtepartnerschaften.


Nachmittag

In verschiedenen Workshops konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besser kennenlernen und gezielt zu ausgewählten Themen informieren.

Workshop 1: Das NRW-USA-Jahr: Perspektiven für die Zukunft – Moderation: Joris Duffner

Mit derzeit 33 nordrhein-westfälisch-amerikanischen Kommunalpartnerschaften pflegt in NRW etwa jede zehnte Kommune die transatlantische Freundschaft. Dazu kommt ein Partnerschaftsabkommen des Landes NRW mit dem US-Bundesstaat Pennsylvania, welches seit 2007 besteht und 2022 erneuert wurde.

Dass sich die Aufmerksamkeit in NRW in den vergangenen Jahren verstärkt auf den transatlantischen Partner USA richtet, liegt nicht nur an einer langen gemeinsamen Geschichte, die mit den Krefelder Auswanderern nach Pennsylvania begann und über Weltkriege hinweg auch mit der Gründung des Bindestrich-Landes Nordrhein-Westfalen zu tun hat. Auch die Jahre der Präsidentschaft Donald Trumps haben der transatlantischen Partnerschaft einige Herausforderungen beschert, so dass sich die Blicke nun auch verstärkt auf die kommende Präsidentschaftswahl in den USA im November 2024 und darüber hinaus richten. Bereits im Projekt der Netzwerkstelle Städtepartnerschaften 2021 und 2022 waren die USA Schwerpunktland, so dass sich Referent*innen und Teilnehmende vielfach schon aus früheren Ausgaben des „Forum Städtepartnerschaften NRW“ kannten und bei der Gesprächsrunde an diese Austausche anknüpfen konnten.

Von Seiten der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wird mit der Ausrufung des „NRW-USA-Jahrs“ die Absicht verfolgt, die engen Beziehungen mit den USA-Jahr zu würdigen und zu stärken. Eine dafür konzipierte Website listet alle Veranstaltungen des Programms, welches am 22. Juni 2023 offiziell begann, und so soll zur Sichtbarkeit und zur Vernetzung der unterschiedlichen Partnerschaften, Initiativen und Projekte mit USA-Bezug in NRW beitragen. Im Austausch mit Winfried Mengelkamp, Gruppenleiter Internationale Angelegenheiten (IV B) in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, begrüßten Kommunen und Vereine die neue Plattform als willkommenes Instrument zum Netzwerken, drückten jedoch auch ihre Hoffnung darauf aus, dass weitere begleitende und unterstützende Maßnahmen für ihre US-Partnerschaftsaktivitäten dieser folgen.

Viktoria Harbecke konnte als Direktorin des AmerikaHaus NRW e.V. auf konkrete Veranstaltungen im Rahmen des „NRW-USA-Jahrs“ eingehen, so auf die NRW-Tour zweier ehemaliger US-Kongressabgeordneten im Oktober 2023, die auf Einladung des AmerikaHaus NRW e.V. in fünf verschiedenen Städten in NRW zu Gast gewesen waren und dort über die aktuelle politische Situation in den USA und über die transatlantischen Beziehungen angesichts der vielen Krisen und Kriege in der Welt gesprochen hatten. Projektpartner dabei waren u.a. die Stadt Dortmund, das Europe Direct Center Dortmund, sowie die Auslandsgesellschaft.de e.V. Das AmerikaHaus NRW e.V. bietet seit 2007 eine Anlaufstelle für den transatlantischen Dialog. Über seine Kuratoriumsmitglieder – darunter zahlreiche Stadtspitzen von Kommunen in NRW – ist das AmerikaHaus NRW e.V. über viele kommunale Verbindungen in die USA im Bilde und plant auch in Zukunft verstärkt mit diesen Netzwerken zu arbeiten.

Dr. h.c. Wolfgang Mössinger sprach als deutscher Generalkonsul a.D. nicht nur aus seinen Erfahrungen in Chicago, wo er 2019 bis 2023 aktiv gewesen war, sondern konnte diese auch in Beziehung setzen zu seinen weiteren zahlreichen Auslandsstationen, u.a. in Edinburgh und insbesondere Dnipropetrowsk, der Partnerregion von Nordrhein-Westfalen. Am Herzen lag Mössinger insbesondere der Austausch zwischen den USA und Deutschland zum Umgang mit dem Strukturwandel – ein Thema, was besonders für ein Bundesland wie NRW mit seinen historischen Industrielandschaften von Bedeutung ist. Die „Transforming Industrial Heartlands Initiative“, die Mössinger im Rahmen des Chicago Council on Global Affairs unterstützt, zielt auf den Aufbau eines Netzwerks ab von Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Verwaltung, das sich auf die wirtschaftliche Wiederbelebung in den Industrieregionen Nordamerikas und Europas konzentriert. Mössinger sieht viel Potential beim Austausch zwischen deutschen und amerikanischen Kommunen – so könnte man in den USA viel von den deutschen Strategien zum Umgang mit dem Strukturwandel lernen, umgekehrt aber auch in Deutschland viel von der amerikanischen Herangehensweise etwa bei der Einbeziehung der Philanthropie aber auch der Unternehmen.

Direkt anknüpfen an die Thematik Strukturwandel konnte Martin van der Pütten, Leiter des Büros für Internationale Beziehungen der Stadt Dortmund. Denn Dortmund hat nicht nur seit 1977 eine historische „klassische“ Städtepartnerschaft mit Buffalo, NY, sondern seit zwanzig Jahren auch eine freundschaftliche Verbundenheit mit der Stadt Pittsburgh in Pennsylvania, die aufgrund eines Projekts der TU Dortmund zum Strukturwandel im Ruhrgebiet entstand; beide Städte verbindet die Bergbauerfahrung, entsprechend steht hier der Fachaustausch im Vordergrund. Mit dem Programm der Ruhr Fellowships existiert seit 2012 zudem eine Ko­ope­ra­ti­on der Uni­ver­si­täts­allianz Ruhr mit den USA.

Mit den Teilnehmenden des Workshops entspann sich dann auch eine lebhafte Diskussion. In der bunten Mischung aus Städtepartnerschaftsbeauftragten, Partnerschaftsvereinsmitgliedern, Vertreter*innen und Multiplikator*innen aus Politik, Diplomatie und Kultur befanden sich auch Vertreterinnen von Engagement Global / SKEW und des Programms „Urban Diplomacy Exchange“ des Auswärtigen Amts, welches sich speziell an deutsch-US-amerikanische kommunale Partnerschaften sowie an einer Zusammenarbeit interessierte Kommunen richtet. Dies brachte auch die Perspektive des Bundes auf die transatlantischen kommunalen Partnerschaften mit in den Austausch.

Besonderes Interesse äußerten die teilnehmenden Kommunen, und insbesondere auch Vertretende aus kommunalen Wirtschaftsförderungen und Industrie- und Handelskammer am Thema Internationaler Austausch/Praktikum für Auszubildende in transatlantischen Beziehungen. Hier, aber auch allgemein bei den vielfältigen bereits bestehenden Beziehungen mit den USA, wünschen sich viele der Teilnehmenden aus den Kommunen eine verstärkte gemeinsame Vorgehensweise auf Landesebene bei künftigen Projekten.

Bei der Frage, wie die großen globalen Herausforderungen unserer Zeit gemeistert werden können, wird in neuer Zeit immer stärker auf die Kommunen verwiesen. Hintergrund dieses Gedankens ist die Erkenntnis, dass die Umsetzung aller Veränderungen letztlich auf den Strukturen der einzelnen Kommune aufbauen muss und damit auf deren Stabilität und Funktionstüchtigkeit angewiesen ist. Ob auf Landes- oder Bundesebene oder bei den Vereinten Nationen; insbesondere wenn es um das Themenfeld der Nachhaltigkeit geht, auf Unterstützung nach Naturkatastrophen oder Kriegen, der Ruf nach der Unterstützung der Kommunen beim Wiederaufbau und bei Transformationen wird immer lauter.

Dabei sind insbesondere die deutschen Kommunen aufgrund ihrer breiten Zuständigkeiten, ihrer langen Erfahrung im föderalen System und ihrer ausgeprägten Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie Akteuren aus der Wirtschaft weltweit besonders gefragt. Wie alle kommunalen Partnerschaften fallen jedoch auch die Partnerschaften mit Ländern des Globalen Südens unter die freiwilligen Aufgaben der Kommunen. Warum solche Partnerschaften auch in Zeiten knapper Kassen wichtig sind, welche Vorteile sie für die eigenen Kommune bedeuten können, nach welchen Gründen und Kriterien welche Partnerschaften zu welchem Zeitpunkt aufgenommen werden – das waren Themen des Workshops.


Wencke Müller-Rilke, Gruppenleitung Partnerschaften mit Kommunen in Nahost bei Engagement Global, definierte zunächst die Schlüsselbegriffe. So bezieht sich der Begriff der Kommunalen Entwicklungszusammenarbeit auf die Mittel und Maßnahmen, die Städte, Landkreise und Gemeinden einsetzen und ergreifen, um die nachhaltige Entwicklung in Partnerkommunen des Globalen Südens zu fördern. Von Kommunaler Entwicklungspolitik spricht man, wenn auch Maßnahmen im Inland, also etwa Informations- und Bildungsarbeit in der eigenen Kommune, mit einbezogen werden. Mit dem Begriff Globaler Süden wird eine im globalen System benachteiligte gesellschaftliche, politische und ökonomische Position beschrieben. Länder des Globalen Nordens hingegen genießen eine mit Vorteilen bedachte, privilegierte Lage. Die Einteilung verweist auf die unterschiedlichen Erfahrungen mit Kolonialismus und Ausbeutung, einmal als Profitierende und einmal als Ausgebeutete, und ist nicht ausschließlich geographisch zu verstehen. Im Kontext der Europäischen Union spielt die Zusammenarbeit von Mitgliedsstaaten und Staaten im Heranführungsprozess bzw. Kandidatenstatus eine wichtige Rolle.

Heute sind über 650 deutsche Kommunen in kommunalen Partnerschaften mit Kommunen in Ost- und Südosteuropa, Afrika, Asien und Lateinamerika engagiert, und mit dem russischen Angriff auf die Ukraine erleben wir seit Anfang 2022 einen starken Zuwachs deutsch-ukrainischer Kommunalpartnerschaften.

Ullrich Sierau, Oberbürgermeister der Stadt Dortmund a.D. und Ehrenamtlicher Botschafter für Kommunale Entwicklungspolitik, ging in seinen Beiträgen immer wieder auf seine eigenen Beweggründe ein, in Dortmund den Grundstein für neue Partnerschaften zu legen – etwa mit der türkischen Stadt Trabzon im Jahr 2014 -, bestehende Partnerschaften zu fördern und auszubauen und internationale Projektpartnerschaften anzustoßen. Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen stehen Kommunen weltweit vor ähnlichen Herausforderungen: Armut, Hunger, Krieg, Flucht und Klimawandel. Lösungen, die in einer Kommune gefunden werden, haben Potential, auch in anderen zu funktionieren – dazu müssen sie aber weitergegeben und vermittelt werden. Dabei kann der Globale Süden vom Globalen Norden ebenso viel lernen, wie der Norden vom Süden – und beide Seiten profitieren, wenn das interkulturelle Verständnis füreinander und das Bewusstsein für komplexe globale Zusammenhänge wächst, der soziale Zusammenhalt größer wird und die eigene Kommune durch Weltoffenheit und Toleranz attraktiver wird.

Dass jede Kommune ein einzigartiges Profil an eigenen Herausforderungen, Akteuren, Ressourcen, Bedarfen und Strukturen habe, bestätigte auch Stefan Wagner, Leiter des Amts für Internationales und globale Nachhaltigkeit der Stadt Bonn. So hat Bonn als ehemalige Bundeshauptstadt und Sitz von Einrichtungen der Vereinten Nationen sowie einer Vielzahl an nationalen und internationalen (Nichtregierungs-)Organisationen schon sehr früh geballte Kompetenz im Bereich Auswärtige Politik und Entwicklungszusammenarbeit aufgebaut. Bis heute fördert man dort den Ausbau Bonns als deutsche UNO-Stadt und Standort für nachhaltige Entwicklung, letzteres insbesondere, seit bei der UN-Konferenz 1992 in Rio das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als internationales Leitbild anerkannt worden war, welches seither richtungsweisend für die Entwicklungszusammenarbeit ist. Wichtig ist es, zu identifizieren, wo besonders viel Potential für eine Partnerschaft besteht. Nicht jede Stadt ist für jede Partnerschaft optimal geeignet. Hilfreiche Leitfragen vor dem Start einer kommunalen Partnerschaft wären daher etwa die nach dem Warum: Welche Motive und Interessen leiten uns, welche Vorstellungen von einer kommunalen Partnerschaft haben wir? Welche Länder kommen demzufolge für eine Partnerschaft infrage, und was sind daraufhin die sprachlichen, kulturellen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen? Politischer Rückhalt, Interesse der Verwaltung, Unterstützung durch zivilgesellschaftliche Akteure vor Ort können die Leistungsfähigkeit der Partnerschaft entscheidend beeinflussen. Daher ist es auch wichtig, nach den Zielen und Erwartungen der unterschiedlichen Akteure innerhalb der eigenen Kommune zu fragen, welche diese mit der konkreten Partnerschaft verbinden. Gleiches gilt natürlich auch für die Akteure in der Partnerkommune. Politische Rahmenbedingungen im Partnerland können eine große Rolle spielen, ebenso wie die eigenen, kurz- bzw. langfristig zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Linda Mai, Vorstandsvorsitzende Blau-Gelbes Kreuz Deutsch-Ukrainischer Verein e.V., gebürtig aus der Ukraine und seit 20 Jahren in Köln, meldete sich allerdings als lebendes Beispiel unter vielen dafür zu Wort, dass sich letztlich konkrete Partnerschaften aller Strategie-Theorie zum Trotz oft jedoch aus bereits bestehenden Verbindungen persönlicher Art entwickeln, aus Aktivitäten und Projekten von Diaspora-Gruppen, Vereinen, Kirchen, oder sonstigen Initiativen. Als Russland 2014 die Krim annektierte, gründete Mai den Verein „Blau-Gelbes Kreuz“, der Hilfslieferungen an Krankenhäuser organisierte und vom Krieg betroffenen Kindern Ferien in Deutschland ermöglichte. Ihr Verein sammelt seit 2017 für die Ukraine Geld und Hilfsgüter, kümmert sich um Geflüchtete und vermittelt Wohnungen – nach dem russischen Angriff im Februar 2022 verstärkte der Verein seine Aktivitäten, u.a. mit der Anmietung einer Großmarkthalle zur Abwicklung der Hilfsgüterlogistik. Unter anderem aus diesen Tätigkeiten entwickelte sich die heutige Partnerschaft Kölns mit der ukrainischen Stadt Dnipro, ein professionelles Hilfslieferungssystem bis weit über die NRW-Landesgrenzen hinaus, sowie mehrere Ausgründungen des Vereins „Blau-Gelbes Kreuz“ in verschiedenen NRW-Kommunen, die ebenfalls kommunale Partnerschaften mit ukrainischen Städten aufgenommen haben und diese auch auf zivilgesellschaftlicher Seite abbilden wollten.

Dass es sich bei einer solchen Entwicklung zu Städtepartnerschaften keineswegs um eine Ausnahme handelt, belegte etwa auch Heinz Meyer vom Förderverein Städtepartnerschaft Gelsenkirchen – Zenica. Viele der im Zuge der 1990er und 2000er entstandenen Kooperationen zwischen Kommunen in Deutschland sowie Nachfolgestaaten von Jugoslawien gehen auf die humanitäre Hilfe nach Kriegsereignissen zurück, und erhalten im Laufe ihrer Partnerschaft dann aber auch neue Impulse, etwa auch durch auf beiden Seiten schmerzlich erlebten Strukturwandel.

Den Blick auf die langfristigen Entwicklungslinien des kommunalen Engagements für den Globalen Süden brachte schließlich Prof. em. Dr. Uwe Andersen, ehemaliger Professor für Politikwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, ein, der mit seinen langjährigen Forschungsprojekten zu und auch mit afrikanischen Ländern auch deren Perspektive nachzeichnete. Mit der zunehmenden Anerkennung der Kommunen als eigenständige Akteure der Entwicklungspolitik ist vieles gewachsen: unterstützende Strukturen von Seiten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wie die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, 2001 in Bonn gegründet und später als Fachbereich in Engagement Global eingegliedert, als ein Kompetenzzentrum für kommunale Entwicklungspolitik in Deutschland, aber auch Projekte der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag verschiedener Ministerien der Bundesrepublik Deutschland international tätig ist. Gewachsen ist außerdem das Interesse, die Relevanz, Wirksamkeit und den Umfang der kommunalen Beiträge näher fassen zu können – auch und insbesondere im Hinblick auf eine Rechtfertigung von Aufwand, Personal und Ressourcen, was durchaus zu Diskussionen und Zielkonflikten innerhalb einer Kommune führen kann.

Gerade vor dem Hintergrund der finanziell oft angespannten Lage in den Kommunen wurde in der Diskussion von verschiedener Seite bemängelt, dass es auf Landes- und Bundesebene keine ausreichenden Unterstützungsleistungen für die weiterhin unverhältnismäßig anwachsenden Engagements der Kommunen für den Globalen Süden gebe. Insbesondere strategische sowie koordinierende Maßnahmen zur Vernetzung, Bündelung und Schaffung von Synergien werden vermisst. Die bereits existierenden Plattformen und Instrumente – schließlich ist für die Entwicklungspolitik in Deutschland der Bund der größte Mittelgeber, und die Förderangebote für Maßnahmen im Bereich der Kommunale Entwicklungspolitik wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut sowie die Mittel aufgestockt – werden zwar gesehen und auch sehr wohl anerkannt, jedoch waren sich viele Teilnehmende darin einig, dass die Größe der Aufgaben sowie die Verantwortung für die globalen Krisen und Herausforderungen hier doch erhebliches weiteres Engagement erfordere.
Zum Weiterlesen: Dialog Global Nr. 9: Partner für Eine Welt – Gestaltung und Nutzen kommunaler Partnerschaften. Ein Praxisleitfaden, Bonn, Mai 2019

Workshop 3: Nachwuchs in Städtepartnerschaften – Moderation: Dr. Kai Pfundheller

Der größte Workshop des Tages belegte mit seiner überproportional großen Teilnehmendenzahl eindrücklich, was vor allem die Menschen in den Städtepartnerschaftsvereinen schon lange und intensiv beschäftigt: die Stabübergabe an die nächste Generation. Dabei wird hier die nächste Generation breit interpretiert – als nicht nur Jugendliche, sondern alle (Alters-)gruppen, die sich potentiell engagieren können und wollen.

Die Zivilgesellschaft- und Engagement-Forscherin Prof. Dr. Andrea Walter erhielt zunächst Gelegenheit, ihre Beiträge zur der Podiumsdiskussion vom Vormittag ausführlicher darzustellen, insbesondere, was den in den vergangenen Jahren festzustellenden Wandel bei Engagement und Ehrenamt betrifft. So engagieren sich zwar weiterhin Mensch im Ehrenamt und wünschen sich, dabei Spaß und Gemeinschaft mit anderen zu erleben, Gesellschaft mitzugestalten und sich weiterzubilden. Jedoch bringen vielfältige Veränderungen in der Gesellschaft auch eine Veränderung des Engagements mit sich.

Unterschieden werden können drei große Herausforderungen: Es gibt die Tendenz und den Wunsch hin zu flexiblerem Engagement, das sich zeitlich besser einfügt in die Lebenssituationen der Engagierten. Projektorientierung spielt hierbei eine große Rolle. Ein zweiter Punkt ist auch mit der Zeit verknüpft; die Engagierten wünschen sich, weniger Zeitaufwand in ihr Engagement investieren zu müssen. Der dritte Punkt ergibt sich aus den vorigen und trägt den heutigen, vielfach durch Umbrüchen gezeichneten Lebensbiographien Rechnung; die bisher bekannten langen Vereinsbiographien werden weniger. Diese Entwicklungen und Wünsche stellen natürlich Vereine, deren Strukturen auf verbindlichem und langfristigem Engagement gründen, vor Herausforderungen, auf die sie reagieren und Antworten finden müssen. Zentral ist dabei die Kommunikation über die eigene Arbeit nach außen, zu Nicht-Vereinsmitgliedern.

Eine praktische Übung dazu hatte Luise Böttcher, die vier Jahre lang für den Deutsch-Französischen
Jugendausschuss (DFJA) Referentin für Städtepartnerschaften gewesen war direkt mitgebracht. Böttcher leitet heute das Projektteam Städtepartnerschaften und Intergenerationelles, das Städtepartnerschaften und andere deutsch-französische Akteure bei der Einbindung von jungen Menschen unterstützt. Die Übung „Mein Verein in einem Satz“ ist ein in diesem Kontext ein gern genutztes Mittel, um sich als Verein einmal auf die Außenperspektive einzulassen und zu sehen, was der Kern der eigenen Motivation, des eigenen Vereinsengagements ist. Dass das mitunter gar nicht so einfach zu sagen ist, stellten die Teilnehmenden in den folgenden Minuten fest, während sie an einer Formulierung für einen Satz über den eigenen Verein feilten.

Dass Kommunikation hin zur anvisierten Zielgruppe der Schlüssel zum Erfolg ist, sowie weitere nützliche Informationen, Hinweise und Erfahrungsberichte, kann auch nachgelesen werden in der Publikation „Städtepartnerschaften: Stabübergabe an die junge Generation“ in der Reihe Panorama des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg, welche von dessen Direktor Prof. Dr. Frank Baasner im vergangenen Jahr herausgebracht wurde.

Was beim begeisterten Austausch über den eigenen „Vereinssatz“ und auch im Folgenden deutlich wurde: im Grunde hatten alle Anwesenden, alle Engagierten in irgendeiner Weise bereits in ihrer Jugend Kontakt zu Städtepartnerschaften gehabt. Ein wichtiger Punkt, dem man in seiner Bedeutung auch weiter nachgehen sollte, wenn es um die Suche nach künftigen Engagierten geht. Bei den Rede- und Fragebeiträgen der Vereine bildetet sich die gesamte Bandbreite ab; da war der Verein, der kurz vor der Auflösung stand, aber auch die Erfolgsgeschichte eines Vereins, der innerhalb eines Jahres von zwanzig auf sechzig Mitglieder angewachsen war. Sein Erfolgsrezept? Eine Kommunikationskulisse schaffen, die erst im zweiten Schritt die eigentliche Partnerschaftsarbeit betrifft. Eine Beobachtung, die Prof. Dr. Walter nur unterstützen konnte: so seien das Gründen und das Beenden zwar sehr sichtbare Schlüsselmomente eines Vereins, aber das Aufrechterhalten, welches sich in der Beständigkeit der Arbeit ausdrücke, sei nun einmal das Wichtigste.

Lieselotte Dannert, stellvertretende Vorsitzende des Partnerschaftsverein Witten, konnte aus ihrer langjährigen Arbeit weitere Erfolgsrezepte beisteuern. Die Mehrfachengagierte organisiert derzeit das vierte Jugendcamp des Partnerschaftsvereins, welches im Sommer 2024 in Mallnitz (Österreich) stattfinden soll. Mehrere junge Erwachsene, ehemalige Teilnehmende der ersten Jugendcamps, sind mittlerweile als als Jugendleiter*innen dabei. Mit einer jährlichen Partnerschaftsmesse habe hat der Verein in Witten ein gutes Instrument gefunden, um einer breiten Öffentlichkeit regelmäßig über seine Tätigkeit berichten zu können und so neue Interessierte und Mitglieder zu gewinnen. An kommunale Veranstaltungen wie den jährlichen Zwiebelmarkt in Witten beteiligen sich die Vereinsmitglieder immer mit einem eigenen Stand.

Wie nachgefragt ein Austausch zwischen den Generationen sein kann, belegt die Initiative der „intergenerationelle Apéros“ des DFJA. Apéros sind eine Art Umtrunk, der in Frankreich sehr beliebt ist und vor dem Mittag- oder Abendessen in größerer Freundesrunde eingenommen wird. Der virtuelle Apéro des DFJA bringt junge und ältere Engagierte aus deutsch-französischen Partnerschaften in den Austausch, und war mit seiner zweiten Ausgabe Anfang dieses Jahres schon so schnell ausgebucht, dass man das Anmeldeformular schließen musste. Wem das nun Lust auf die in diesem Kontext entstandenen Ideen macht, dem seien die „101 frische Ideen für die deutsch-französischen Beziehungen“ empfohlen, ein Praxisleitfaden für Städtepartnerschaften, der erst kürzlich herausgebracht wurde. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle der intensive Austausch in der Diskussion, von positiven Beispielen und dem Wachsen eines Vereins in 10 Monaten von 20 auf 60 Mitgliedern, bis zu der Herausforderung, dass der Nachwuchs ja nicht nur vielleicht im eigenen Verein fehlt, sondern auch im Partnerschaftsverein. Ein intensiver Austausch, der auch im Anschluss an den Workshop weitergeführt werden muss, denn es gibt leider nicht den einen Zaubertrank, der neue Leute in die Vereine bringt. Schlussfolgerung daher: ja, die Herausforderungen für die Vereine und Engagierten sind unleugbar da. Aber auch Lösungsansätze und Erfolgsgeschichten sind bereits vorhanden.

Eine Besonderheit unter den Workshops stellte dieser hier dar – er war im Herbst 2023 per Online-Umfrage unter den Kommunen und Vereinen in NRW ermittelt worden. Dabei lieferten sich die beiden Themenvorschläge „Austausch für Auszubildende unter Städtepartnern“ und „Beteiligung(skultur) in der Vereinsarbeit“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das von der „Beteiligung(skultur) in der Vereinsarbeit“ mit wenigen Stimmen Vorsprung gewonnen wurde. Beiden Themen ist gemeinsam, dass hinter ihnen die Frage steht, wie man mehr Menschen, insbesondere junge Menschen, für die ehrenamtliche Arbeit in Städtepartnerschaften gewinnen kann. Theoretisch spannend ist dabei die Unterscheidung zwischen der Ansprache von Menschen, die NICHT Vereinsmitglieder sind, und der Gewinnung von solchen, die bereits Mitglieder sind, für die Übernahme von Verantwortung an Schlüsselstellen im Verein. Vieles spricht daher dafür, sich die internen Partizipationsmöglichkeiten und -strukturen, also den vereinsinneren Beteiligungsprozess, einmal genauer anzusehen. Wie gewinnen wir Menschen innerhalb unseres Vereins dafür, sich stärker zu engagieren.

Einblicke in Entstehungsgeschichte, Selbstverständnis, Struktur und Projekte einer EhrenamtsAgentur gab Janina Krüger, Geschäftsführerin und Gründerin der EhrenamtsAgentur Essen e.V. aus ihrer rund zwanzigjährigen Erfahrung. Krüger erläuterte, wie ihre EhrenamtsAgentur sogenannte „Engagementbiographien“ fördert und warum diese Aufgabe so zentral ist. „Engagement ist Menschen- und Bürgerrecht“: was bedeutet dies für die Gesellschaft, für schulische und außerschulische Lernorte? Auch der Begriff und das Konzept des des „service learning“ kam zur Sprache, der für die Schaffung von Engagementbiographien wichtig ist.

Teresa Philine Jacobs von der Landesservicestelle für bürgerschaftliches Engagement NRW erläuterte Hintergründe zum Entstehungsprozess dieser neuen Anlaufstelle für Vereine in NRW, und welche Angebote und Beratung die Vereine dort in Anspruch nehmen könnten. So wurde bereits 2018 auf Landesebene ein Prozess zur Entwicklung einer Engagementstrategie für das Land Nordrhein-Westfalen auf den Weg gebracht, der 2021 in eine Engagementstrategie mündete, welche wiederum die Einrichtung der Landesservicestelle für bürgerschaftliches Engagement vorsah.

Als Beispiele gelungener Vereinsarbeit stellte Dr. Jörn Benzinger, Vorsitzender des Bürgervereins Essen-Haarzopf/Fulerum, seinen Verein vor und auf welche Weise er selbst zu dieser Aufgabe gefunden hatte. Benzinger konnte aufgrund seiner eigener Erfahrung gut an die Situation und die Herausforderungen der Städtepartnerschaftsvereine anknüpfen.

Weitere Beispiele partizipativer und aufsuchender Vereinsarbeit kamen von Monika Klein, der langjährigen Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins Rosendahl – Entrammes/ Forcé/ Parné sur Roc e.V.

Dazu zählt etwa die jährliche Organisation und Durchführung von Partnerschaftsbegegnungen mit bis zu 350 Teilnehmern im Alter von 0 bis 90 Jahren, zudem punktuelle Betreuung von Kinder- und Jugendbegegnungen, auch und bewusst zu Themen, die insbesondere jungen Menschen am Herzen liegen, wie Klimaschutz und Digitalisierung. Der Verein hat eigene Jugendstrukturen mit eigenem Budget geschaffen, ist auf sozialen Netzwerken aktiv und bringt sich mit innovativen Aktionen immer wieder in die Öffentlichkeit, etwa 2019 mit der Challenge „Rosendahl 100% Europa“, einer großangelegten Mobilisierungsaktion der Rosendahler Bevölkerung, die Gemeinde Deutschland mit der höchsten Wahlbeteiligung bei der Europawahl am 26. Mai 2019 zu werden. Der Verein unterhält Kooperationen und Netzwerke mit anderen Vereinen in derselben Kommune, aber auch über Rosendahls Ortsgrenzen hinweg. So werden etwa gemeinsam mit den anderen Rosendahler Vereine wie Schützen- und Sportvereine, kfd, Heimat- und Kulturvereine gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Jenseits der Ortsgrenze gibt es im Kreis Coesfeld auf Initiative von Rosendahl mittlerweile regelmäßige Netzwerktreffen aller Partnerschaftsorganisationen im Kreis zum Austausch und auch Veranstaltung gemeinsamer Events. Schnupper-Events für Rosendahler und die Vermittlung von Interessenten in Praktika bzw. Auslandsaufenthalten machen den Verein und seine interessanten Angebote bekannt. Dabei sprechen die Vereinsmitglieder bewusst auch Neuzugezogene an, über Freunde, Bekannte, Nachbarn. Diese sind oft sehr offen für die dörflichen Strukturen und freuen sich, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Durch Teilnahme an überregionalen Netzwerken und Treffen, aber auch durch regelmäßigen Austausch mit Institutionen auf Kreis, Regional-, Landes- und Europaebene können weitere Kooperationen angestoßen, geeignete Projekt- und Förderprogramme gefunden und umgesetzt werden.

Was viele Ehrenamtliche aber nachhaltig umzutreiben scheint, wurde aus der Häufigkeit deutlich, mit der das Thema Anerkennungskultur der ehrenamtlichen Arbeit seinen Weg in die rund eineinhalbstündige Diskussion fand. So berichtete etwa Dr. Jörn Benzinger vom Bürgerverein Essen-Haarzopf/Fulerum davon, dass der Verein den Einsatz der Ehrenamtlichen mit einem Stadtteilfest würdige, zu welchem Mitglieder, Ehrenamtliche und Interessierte eingeladen werden. An anderer Stelle würdigt die Kommune das Engagement mit einem jährlichen Ehrenamtsempfang. Auch die Landesservicestelle für bürgerschaftliches Engagement NRW schenkt dem Thema verstärkt Aufmerksamkeit. So stellte Teresa Philine Jacobs in diesem Zusammenhang die Ehrenamtskarte NRW vor, an der sich immer mehr Kommunen beteiligen und die Vergünstigungen für Engagierte vorsieht (zum Flyer).

Anerkennungskultur und Einsatzbereitschaft für gesellschaftliche Werte – offenbar ein Duo, das erst gemeinsam sein volles Potential entfaltet. Dass dieses Potential vorhanden, und wie es zu heben ist – davon erhielt eine Ahnung, wer sich beim „Tag der Städtepartnerschaften“ an diesem sonnigen Wintertag im Düsseldorfer Landtag von der Stimmung, die an ein fröhliches Klassentreffen erinnerte, anstecken ließ.

Impressionen vom 5. Tag der Städtepartnerschaften

Programm 5. Tag der Städtepartnerschaften | 19.01.2024 | Landtag Nordrhein-Westfalen

Jubiläumsprogramm 75 Jahre Auslandsgesellschaft

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Der ©AG-Städtepartnerschafts-Check – Perspektiven für Ihre Städtepartnerschaft  

Fotos:Dagmar Becker, Pascale Gauchard