Bericht 11. Forum Städtepartnerschaften NRW

Geheimtipp Westbalkan? Geheimtipp Westbalkan! NRW goes Westbalkan“

Die Zahl der derzeit bestehenden nordrhein-westfälischen Städtepartnerschaften mit den Staaten des Westbalkan ist mit etwa einem halben Dutzend bislang recht überschaubar. Vor dem Hintergrund der migrantischen Communities vor Ort jedoch und mit Blick auf den weiteren Austausch und die Zusammenarbeit mit den Staaten des Westbalkan, insbesondere hinsichtlich ihrer EU-Beitrittsperspektive, entfalten die Möglichkeiten der Zusammenarbeit besonderen Reiz. Welche Potentiale liegen in diesen Bevölkerungsgruppen gerade auch auf kommunaler Ebene und im Hinblick auf ihre Verbindungen zu ihren Herkunftsländern verborgen? Welche Ansatzpunkte zur Kooperation zwischen migrantischer Community und Stadtverwaltung bzw. -gesellschaft gibt es bereits? Was bedeutet das perspektivisch für Städtepartnerschaften mit Kommunen der Westbalkan-Staaten?
Um diesen Fragen nachzugehen, lud die Netzwerkstelle Städtepartnerschaften am 17. November 2022 zur elften Ausgabe ihrer Veranstaltungsreihe „Forum Städtepartnerschaften NRW“ ein.

Einleitung Wolfram Kuschke

In seiner Begrüßung rief der Kuratoriumsvorsitzende der Auslandsgesellschaft.de e.V., Staatsminister a.D. Wolfram Kuschke, zunächst einmal die aktuelle politische und geopolitische Lage in Erinnerung: die Staaten des Westbalkan, die als Beitrittskandidaten an der Schwelle zur EU-Mitgliedschaft stehen, der Kontext des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, der wachsende Einfluss Russlands und auch Chinas in Südosteuropa. Die Stabilität dieser Region, die Transitland für viele Geflüchtete nach (West-)Europa darstellt, aber aus der insbesondere seit den 2010er Jahren auch immer mehr Menschen emigrieren, ist für die sicherheitspolitische Lage der Europäischen Union und auch Deutschlands von zentraler Bedeutung. Entsprechend gibt es viele Gründe für das Interesse der deutschen Bundesregierung, aber auch des Landes Nordrhein-Westfalen, an den Staaten des Westbalkan. Kommunale und zivilgesellschaftliche Verbindungen in die Staaten des Westbalkan spielen dabei eine große Rolle und werden daher von den verschiedenen staatlichen Ebenen gerne in ihren Projekten unterstützt. So blickt auch die Netzwerkstelle Städtepartnerschaften auf den Westbalkan und auf Mittel und Wege, bestehende Kommunalpartnerschaften zu fördern und neue Initiativen zu ermutigen.

Impuls Holger-Michael Arndt, Honorarkonsul der Republik Nordmazedonien für das Land Nordrhein-Westfalen

Von einer Reise nach Georgien digital zugeschaltet, stimmte der Honorarkonsul der Republik Nordmazedonien für das Land Nordrhein-Westfalen, Holger-Michael Arndt, dieser Einschätzung zu und sprach von der 2021 geschlossenen Partnerschaft Nordrhein-Westfalens mit Nordmazedonien, um das Land bei seinem Weg in die EU zu unterstützen. Es sei sehr wichtig, so Arndt, den Ländern dieser Region auch weiterhin Aufmerksamkeit und Unterstützung zu gewähren, damit sie bei ihren Reformbestrebungen und ihrer EU-Perspektive nicht ins Hintertreffen gerieten.
Diese NRW-Landesinitiative wird flankiert von mehreren Projekten, etwa im Bereich der beruflichen Qualifizierung von Fach- und Führungskräften. Arndt sprach eine Reihe von Themengebieten an, bei denen Nordmazedonien und Nordrhein-Westfalen Anknüpfungspunkte und gemeinsame Anliegen haben – gerade auf kommunaler Ebene wäre eine Zusammenarbeit etwa in bei Energie- und Umweltthemen oder auch der Digitalisierung für beide Seiten gewinnbringend. Mehrere Kommunen in Nordmazedonien seien an einer Projekt- oder auch längeren Zusammenarbeit interessiert, eine konkrete Anfrage gebe es etwa aus Kisela Voda, einem Stadtteil Skopjes (einsehbar beim RGRE: https://www.rgre.de/partnerschaft/suche-staedtepartnerschaften/nordmazedonien).  Mit rund 60 000 Einwohnern ist Kisela Voda die zweitgrößte der zehn Gemeinden der nordmazedonischen Hauptstadt. Straßeninfrastruktur, Abfallentsorgung, Stadtplanung, Energieeffizienz und Bürgergesundheit – das sind die Felder, in denen sich Kisela Voda gerne mit einer anderen Stadt mit ähnlichem Interesse austauschen möchte. Arndt bot seine Unterstützung beim Aufbau einer solchen neuen Partnerschaft an. Am Beispiel einer derzeit im Entstehen begriffenen Schulpartnerschaft mit einer Schule in Skopje erwähnte er die große Rolle, die Menschen mazedonischer Herkunft hier in NRW beim Aufbau solcher Beziehungen spielen und auch in Zukunft spielen könnten.

Vorstellung der Studie „Migration aus den Westbalkan-Staaten nach NRW – Fallbeispiele Nordmazedonien und Albanien“ – Migrationsforscherin Dorina Dedgjoni, Hochschule Fulda

Einen Überblick über die historischen Migrationsbewegungen vom Westbalkan nach Deutschland und NRW sowie die Veränderung von Motiven und Erwartungen gab anschließend die Migrationsforscherin Dorina Dedgjoni von der Hochschule Fulda. Die Präsentation der Ergebnisse ihrer Kurzstudie zur Migration aus den Westbalkan-Staaten nach NRW fokussierte auf die Fallbeispiele Nordmazedonien und Albanien. Während aus Nordmazedonien zahlreiche Menschen bereits in den 1960er und 1970er Jahren durch Arbeitsmigration nach Deutschland und NRW kamen, kam es in Albanien erst nach 1990 zu massenhaften Abwanderungen.
Insbesondere seit Anfang der 2010er Jahre kann eine deutliche Zunahme der Zahl von Zuwanderer*innen aus den Westbalkanländern in Deutschland insgesamt und auch Nordrhein-Westfalen belegt werden. Heute stammen fast 10% der ausländischen Gesamtbevölkerung in NRW aus den Staaten des Westbalkan. Was zahlenmäßig nach nicht sehr viel aussieht (etwa 250.000 Menschen), ist im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung der sechs Westbalkanstaaten von etwa 17 Millionen und der Gesamtbevölkerung Nordrhein-Westfalens von etwa derselben Größe doch beeindruckend. Dabei besitzen viele weitere Zugewanderte aus dem Westbalkan mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit und tauchen daher in dieser Statistik gar nicht erst auf.

Wer sind diese Zugewanderten? Wann und warum sind sie nach NRW gekommen? Wo in NRW leben sie? Diese Fragen beantwortete Dorina Dedgjoni auf der Grundlage der amtlichen Statistik und historischer Belege und ging dabei insbesondere auf das komplexe Spektrum an Migrationsmotiven ein.

Austausch

Am darauffolgenden Austausch beteiligten sich die rund dreißig Teilnehmenden aus Politik, (Kommunal-) Verwaltung und der organisierten Zivilgesellschaft höchst rege, und trugen vielfältige eigene Erfahrungen, Informationen und Ideen bei. So ging es der Stadt Bocholt bei der Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen zur albanischen Stadt Vlora vor allem darum, die albanischstämmige Bevölkerung und ihr Herkunftsland in Bocholt bekannter und sichtbarer zu machen. Die Gründung der Deutsch-Albanischen Gesellschaft Bocholt e.V. ist dabei nur der erste Schritt von vielen, in denen Bürgerreisen nach Albanien ebenso eine Rolle spielen können wie Jugendcamps, Vertragswerke und nicht zuletzt die Frage der Finanzierung dieser Aktivitäten. Grundlegend dabei: der erklärte Willen aus der Bevölkerung, diese Partnerschaft zu leben und zu unterstützen, mit Hilfe der Kommune, aber eben auch durch eigene Initiative.

Ein Vertreter des Rats der Stadt Fröndenberg berichtete über die Bestrebungen seiner Stadt, im Kosovo eine Partnerstadt zu finden, und konnte mit der Stadt Bocholt sowie Vertreter*innen von Engagement Global und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt direkt über denkbare Finanzierungsmöglichkeiten in den Austausch kommen.

Die Perspektive und auch die vielfältigen Potentiale des Sports bei der Integration von Menschen in NRW, aber auch beim Brückenbauen in andere Länder, brachte unter anderem einer der Fanbeauftragten und Leiter Fans & Mitglieder FC Schalke 04 ein. Die Verbindung der Schalker Fans nach Skopje besteht schon lange und blickt auf viele Höhepunkte zurück, gleichzeitig hat man dort aber bereits neue Projekte im Blick, etwa für einen Traineraustausch. Der Verein der Bosnienfreunde Hamm e.V. konnte berichten, dass auch ohne eine offizielle Städtepartnerschaft ihre Verbindungen nach und Projekte mit Bosnien hervorragend liefen, und sprach damit die wichtige Frage der Dimensionen von Austausch und Zusammenarbeit zwischen Politik/Verwaltung und Initiativen der Zivilgesellschaft einmal mehr an – ein Akteursgeflecht, in dem auch Schulen selbstverständlich mit eigenen Austauschen und Projekten zu den „internationalen Beziehungen“ ihrer Stadt beitragen können.

Ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion aufgeworfen wurde, war der nach der Organisiertheit migrantischer Gruppen. Für das Initiieren offizieller kommunaler Projekte und solcher, die einer Art von Öffentlichkeit bedürfen, um bekannt und genutzt zu werden, ist es für Politik und Verwaltung meist wichtig, Ansprechpersonen zu kennen, was sich als gar nicht so einfach herausstellt. Denn es suchen längst nicht alle Migrant*innen den Anschluss an eine Gruppe anderer Menschen aus ihrem Herkunftsland, und wenn sie es tun, ist die Bandbreite von Organisiertheit dieser Gruppen ziemlich unterschiedlich – von Gruppen auf Facebook über Sprachkurse bis zur orthodoxen Kirche. Aus dem Partnerschaftsverein Gelsenkirchen-Zenica e.V., kam das Anliegen und die Idee, Städtepartnerschaften auch im Stadtbild künstlerisch sichtbarer und gewissermaßen sinnlich erfahrbar zu machen, sowie inhaltlich auf gemeinsame Herausforderungen wie den Strukturwandel oder die Erhaltung der Natur etwa durch Renaturierungsprojekte zu fokussieren. Ein Vertreter des Landschaftsverbands Rheinland e.V. berichtete von Projektpartnerschaften mit Griechenland und den vielfältigen Möglichkeiten, voneinander zu lernen – auch ein Vertreter des ZfTI rief in Erinnerung, wie viel Potential im Erfahrungsaustausch allein schon mit den europäischen Nachbarländern liege.

Das große Interesse am Austausch und die zahlreichen Ideen und Erfahrungen zeigten vor allem eins: dass tatsächlich ein ungeheures Potential in der Zivilgesellschaft schlummert, oft noch unentdeckt von den Kommunen, und dass ein weites Feld möglicher Kooperationen zwischen Schulen, Vereinen, Verwaltung und Politik besteht, und zwar über alle Grenzen hinweg. So rechtfertigte sich das Motto des „Geheimtipps Westbalkan“, unter welchem man sich an diesem Abend zusammengefunden hatte.

Präsentation Dorina Dedgjoni –>

Studie „Migration aus den Westbalkan-Staaten nach NRW“ – Dorina Dedgjoni–>

Präsentation Netzwerkstelle Städtepartnerschaften –>

Partnerschaftsgesuch Kisela Voda, Nordmazedonien –>

Fördermittel Servicestelle Kommunen in der Einen Welt von Engagement Global –>

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Die Festigung der Städtepartnerschaften in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit Kommunen und Zivilgesellschaft steht im Mittelpunkt unseres Projekts.

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