Interview mit Prof. Dr. Uslucan

Der Einfluss von Städtepartnerschaften zwischen Kommunen in NRW und in der Türkei auf Migration und Integration in NRW

Sehr geehrter Prof. Herr Uslucan, Sie sind Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI). Erläutern Sie für Außenstehenden, was ist das ZfTI und was sind Ihre Berührungspunkte mit Städtepartnerschaften?

Das ZfTi ist ein An-Institut der Universität Duisburg-Essen und eine gemeinnützige Stiftung des Landes NRW. Die Präambel der Satzung des ZfTI benennt als zentrale Schwerpunkte die „Erforschung der Lage der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland und die Frage ihrer Integration in die deutsche Gesellschaft“. Und da Städtepartnerschaften auch einen wesentlichen Beitrag zu einer besseren Beheimatung sowie (transnationaler) Verständigung leisten können, liegen die Berührungspunkte auf der Hand.

In den Forschungsfeldern „Migration“ und „Integration“ kombinieren Sie den für Partnerschaftsvereine sehr wertvollen Inlands- und Auslandsblick. Wie können Bürgermeister*innen und Ratsmitglieder aus solch einer Doppelperspektive heraus nordrhein-westfälisch-türkische Städtepartnerschaften besonders gut weiterentwickeln?

Zunächst ist zu vergegenwärtigen, dass das Bundesland NRW ein äußerst bedeutsames ist für die deutsch-türkischen Verbindungen. Von den knapp 2,8 Millionen Menschen mit Bezug zur Türkei leben etwa knapp einer Million, also mehr als ein Drittel, in NRW. Insbesondere viele Menschen aus der Schwarzmeerregion, einer auch in der Türkei für Kohleabbau bekannte Region (vor allem aus der Stadt Zonguldak), leben hier. Bürgermeister und Ratsmitglieder könnten sich bspw. intensiv über die Folgen des Energie- und Strukturwandels, über die Erfahrungen Deutschlands und den bald kommenden Veränderungen für die Türkei, austauschen. Darüber hinaus ist die Türkei das Land, das am meisten Geflüchtete aus Syrien aufgenommen hat (über 3,6 Millionen): auch hier wären Austausch zu einer guten Unterbringung, Versorgung, Integration in Arbeit und Bildung etc. zentrale Themen, die für beide Seiten relevant wären.

Das ZfTI ist zweibeinig aufgestellt: Es gibt erkenntnisorientierte Forschungsprojekte und den Wissenstransfer betonende Praxisprojekte. An welchen Schnittstellen kann und möchte das ZfTI zum Beispiel kommunale Partnerschaftsbeauftragte in der täglichen Sach- und Facharbeit unterstützen?

Wir haben bspw. sehr gute Erfahrungen gemacht, wie junge Geflüchtete in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt integriert werden können (Speed-Dating mit der Ärztekammer, um junge Menschen für medizinische Berufe zu gewinnen; Informationen über Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland, Zusammenarbeit mit der IHK Essen ec.), wie ihre Potenziale identifiziert werden können. Das sind Aspekte, die sowohl für Kommunen in Deutschland, aber auch im Kontext der Städtepartnerschaften auch für die Türkei relevant wären.

In NRW machen Menschen mit türkischer Migrationsgeschichte und persönlicher oder familiärer staatsbürgerlicher Bindung zur Türkei seit langem einen bedeutenden Teil der Bevölkerung aus. Bietet diese demografische Struktur nicht einen idealen Anknüpfungspunkt für die Etablierung von Städtepartnerschaften?

Ja, sowohl die demografische Struktur (jüngere Bevölkerung; die Türkeistämmige sind im Schnitt etwa 11 Jahre jünger als die deutsche Bevölkerung; durch vermehrte Einbürgerungen sind sie auch mit vollen staatsbürgerlichen Rechten ausgestattet), aber auch die Themen, die für NRW und für einige Teil der Türkei relevant werden, bieten ideale Punkte für die Zusammenarbeit: So etwa auch im Bereich der Altenpflege: ein Teil der älteren Zuwanderer geht zurück im Rentenalter oder pendelt zwischen Deutschland und der Türkei (übrigens auch deutsche Staatsbürger, die im Rentenalter in die Türkei ziehen, so etwa nach Alanya): Fragen der guten medizinischen Versorgung dieser Gruppe sind sowohl ethisch als auch ökonomisch von enormer Wichtigkeit und ein Anknüpfungspunkt für die Etablierung von Städtepartnerschaften.

Sichtet man Presse und Online-Medien, sind dort immer wieder Spannungen, Konflikte und Kontaktverluste in der kommunalpartnerschaftlichen Arbeit zwischen NRW und Türkei sichtbar. Mit welchen Kontexten, Bedingungen und Faktoren lässt sich das erklären? Haben wir in NRW einen „blinden Fleck“, den Sie aufhellen können?

In der Tat gab es Zeiten, kurz nach den vereitelten Putschversuch im Juli 2016, wo die Zusammenarbeit sehr schwierig war; einige Bürgermeister in der Türkei sind auch verunsichert gewesen, was Beziehungen zu Deutschland betrifft. Umso mehr muss die Zusammenarbeit mit kooperationsbereiten Regionen aufgesucht und aufrechterhalten werden, vor allem dürfen Türkeistämmige nicht zum Opfer der Politik in der Türkei bzw. der gegenwärtigen türkischen Regierung gemacht werden, was leider in den Medien nicht selten geschieht. Die gegenwärtigen politischen Spannungen dürfen die lange gewachsene Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei nicht überlagern; auf zivilgesellschaftlicher und auf ökonomischer Ebene sind die Verbindungen ja nach wie vor sehr tragfähig. Oft verkaufen sich leider gegenwärtig türkeikritische Berichterstattung besser als eine, die das Land neutral, objektiv darstellt. Die Türkei besteht aber nicht aus der AKP-Administration.

Städtepartnerschaften leben – vereinfacht dargestellt – von Menschen in ihrem sozialen Umfeld und auch von Funktionsträger*innen in Institutionen. Wo kann die Integrations- und Migrationsforschung helfen, die Lebens- und Arbeitswelten von öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft fruchtbar zusammenzuführen, damit Städtepartnerschaften gelingen?

Gerade mit Blick auf die Türkei kann festgehalten werden: Die Daten des  SOEP (Sozio-ökonomisches Panel) zeigen, dass mehr als drei Viertel der Türkeistämmigen seit ihrer Ankunft mindestens einmal im Jahr ihre Heimat besucht haben; So hatten etwa 77 % der Türkeistämmigen in Deutschland aus der ersten Generation Angehörige im Ausland (Fauser & Reisenauer, 2013). Diese vorhandenen intensiven transnationalen Beziehungen unterstreichen also die Sinnhaftigkeit von Städtepartnerschaften. Sie geben nicht nur die Möglichkeit, Herkunftsregionen von Zugewanderten besser kennen zu lernen, sondern auch möglicher weise künftige gemeinsame gesellschaftliche Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten für beide Regionen zu identifizieren. Diese würde ich gegenwärtig im Bereich des Umweltschutzes, des Umgangs mit Zuwanderung, des Stadt-Land-Gefälles (in der Türkei ist der Unterschied deutlich stärker) oder auch mit Blick auf Gentrifizierungsprozesse in Städten sehen.


Das schriftliche Interview mit Prof. Dr. Haci-Halil Uslucan, Wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, Essen, sowie Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, führte Dr. Kai Pfundheller, Leitung Netzwerkstelle Städtepartnerschaften

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Veröffentlicht von Netzwerkstelle Städtepartnerschaften

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