Interview mit Heinz H. Meyer

Kunst und Kultur als Brückenpfeiler von Städtepartnerschaften

Heinz H. Meyer
Vorsitzender
Förderverein Städtepartnerschaft Gelsenkirchen-Zenica e.V.

Seit 1969 verbindet Gelsenkirchen und die Stadt Zenica in Bosnien und Herzegowina eine Städtepartnerschaft. Seit nun fast drei Jahren besteht zudem flankierend ein Förderverein. Wir haben mit dem Vorsitzenden Heinz H. Meyer über Städtepartnerschaften als Brücke und über die besondere Rolle von Kunst und Kultur dabei gesprochen.

Herr Meyer, Gelsenkirchen hat über die Jahrzehnte eine britische, polnische, bosnische, russische, ostdeutsche und eine türkische Städtepartnerschaft geschlossen. Aus einigen dieser Länder ist eine größere Zahl von Zuwander*innen nach Gelsenkirchen gekommen. Wie kann der Brückenschlag zwischen alter und neuer Heimat über die Städtepartnerschaft glücken?

Unsere Partnerstädte haben eine vergleichbare Geschichte. Es sind Industriestädte mit den Schwerpunkten Kohle und Stahl. Sie sind damit mit Gelsenkirchen vergleichbar. Zur Blütezeit waren die in den Städten vorhandenen Probleme ähnlich. Das ist der Grund, dass sie Partnerstädte wurden. Ob alles immer geglückt ist? – Städtepartnerschaften sind immer ein dynamischer Prozess, insofern ist es ein „work in progress“, aber ja, viele Projekte konnten über die Jahrzehnte der Partnerschaft realisiert werden.

Ich selbst beschäftige mich insbesondere mit der Partnerschaft zum bosnischen Zenica, aus meiner jahrzehntelangen Verbundenheit mit den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens heraus. Zenica liegt etwa 70 Kilometer nordwestlich von Sarajevo und hat 115.000 Einwohner, ist also viel kleiner als Gelsenkirchen. Die bestehenden städtepartnerschaftlichen Beziehungen mit Zenica sind natürlich eine Einladung an Gelsenkirchener*innen mit bosnischer Zuwanderungsgeschichte, sich einzubringen – und diese Einladung nehmen sie auch wahr.

Seit 2019 gibt es einen Förderverein für die Städtepartnerschaft Gelsenkirchen – Zenica. Was hat Sie bewogen, diesen Verein zu gründen?

Es gab zwar über die Jahrzehnte verschiedene Initiativen und Besuche – zwischen Schulen, aber auch von Studierenden, sowie Projekte der BOGESTRA, und 2011 eine Studienreise. Dennoch drohte unsere Städtepartnerschaft einzuschlafen, und da fanden wir es wichtig, mit der Stadt Gelsenkirchen und weiteren Initiativen, z.B. den „Falken“ daran mitzuwirken, dass einfach regelmäßige Kontakte stattfinden. Um die Aufmerksamkeit auf die Partnerstadt zu lenken, gründeten Bürgerinnen und Bürger der Stadt 2016 den Initiativkreis Zenica und veranstalteten gemeinsam mit der Stadt einen Zenica -Tag in Gelsenkirchen, bei dem wir ganz unterschiedliche Themenfelder vorstellten – und auf großes Interesse bei der Bevölkerung stießen. Dank einer Förderung von „Engagement Global“ konnten beide Städte dann 2018 durch eine „Solarbrücke“ verbunden werden. Aus Gelsenkirchen stammende Solarmodule versorgen nun ein Jugendcamp südlich von Zenica mit Sonnenenergie. Dann hatten wir die Idee, dass aus dem Initiativkreis ein Förderverein werden könnte. Von Anfang an war unsere Gelsenkirchener bosnische Community mit an Bord.    

So sitzen auch heute zwei junge Frauen in unserem Vorstand, die als Flüchtlingskinder nach Gelsenkirchen gekommen und geblieben sind. Im Fokus des Vereins steht insbesondere die Förderung von Kontakten und Austausch auf kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, sportlichen und zwischenmenschlichen Gebieten.

Bevor Corona Einzug hielt, war noch eine Gruppe Studierender von der Universität Zenica zu Gast in der Westfälischen Hochschule. Danach trat Stillstand ein. Hier versuchen wir nun neu anzusetzen. Die Frage, wie es weitergehen kann, stand darum im Mittelpunkt einer vom Europaministerium NRW geförderten Veranstaltung am 7. Mai 2022, die gleichzeitig eine Ausstellungseröffnung mit Fotos der Industrielandschaften war.

Die Verbindungen und Projekte zwischen Gelsenkirchen und Zenica sind bereits recht vielfältig. Welche Rolle spielen Kunst und Kultur bei der Partnerschaft?

Dazu muss ich noch einmal etwas weiter ausholen. Zenica ist ja die drittgrößte Stadt in Bosnien, und auch ein regionales Zentrum. Durch die Schwerindustrie geprägt, kämpft Zenica heute mit hohen Arbeitslosenquoten. Schwerindustrie, Strukturwandel – es gibt einfach viele Parallelen mit Gelsenkirchen, und daher gab es bislang auch vor allem Projekte im Bereich Umwelt und Industrie. Das möchten wir weiterführen, aber auch ausweiten auf weitere Bereiche und weitere Gruppen.

Als Leitthema haben wir dazu im Mai „Transformation und Kompetenztransfer – wechselseitig“ gewählt: damit steht der Strukturwandel als verbindendes Element der Partnerstädte im Vordergrund, und Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft in unseren Städten sind alle eingeladen, ihre Kompetenzen ein- und in den Austausch zu bringen. Kunst, Kultur und Bildung sind dabei explizit als Bestandteile dieses Vorhabens vorgesehen; sie entstehen ja nicht im luftleeren Raum, losgelöst von unseren Erfahrungen vor Ort, sondern sind eng damit verknüpft. Sie bilden eine weitere Brücke, die noch einmal andere Gruppen erreichen kann, und Menschen auf einer anderen Ebene als der politischen oder der technischen anspricht. Kunst und Kultur erreichen Menschen über das unmittelbare Erleben, auch über Emotionen. In unserer Region haben wir dabei ja auch bereits Pionierarbeit geleistet: der Umbau der „Schwatten“ zur „Blauen Emscher“ wird durch Kunstprojekte begleitet; „Emscher-Guides“ sind als Vermittler dieses langjährigen Prozesses in unserer Region unterwegs. So etwas könnte auch in den Partnerstädten realisiert werden, etwa eine Renaturierung des Flusses Bosna ähnlich wie es bei der Emscher geschehen ist – dafür gibt es auch schon Projektideen mit Studierenden.

Unser Anspruch ist es, einen gemeinsamen Kommunikationsprozess in Gang zu setzen, in dem ein erweiterter Begriff des Strukturwandels in den Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung in den Partnerstädten gerückt und entsprechend gehandelt wird; an diesem Vorhaben sollten möglichst viele interessierte Menschen mitwirken. Schul- und Hochschulpartnerschaften möchten wir wiederbeleben bzw. neu aufbauen. Aber auch Wirtschaftsunternehmen, Banken, Handwerksbetriebe und andere Einrichtungen sollen auf eine Beteiligung angesprochen und um Unterstützung gebeten werden. Dies ist eine der Aufgaben des Fördervereins.
Ein zweiter Punkt, der uns wichtig ist: über die gemeinsamen Herausforderungen und Projekte möchten wir auch einen Zugang zu unserem gemeinsamen Haus Europa finden.           

Welche konkreten Projekte im Bereich Kunst und Kultur planen Sie für die Zukunft innerhalb Ihrer Städtepartnerschaft(en)?

An erster Stelle steht die Verbesserung der Sichtbarkeit der Partnerstädte. Kunst und Kultur haben da bei eine besonders wichtige Funktion! Wir möchten die Namen unserer Partnerstädte exponiert in der Öffentlichkeit präsentieren. Dazu gibt es gleich mehrere Ideen:

  • So sollen die Wege in dem neu in Gelsenkirchen angelegten „Glückauf Park“ in Gelsenkirchen-Hassel auf dem Gelände einer ehemaligen Kokerei die Namen unserer Partnerstädte bekommen. Der Park könnte dann „Glück auf Europa-Park“ heißen.
  • Künstlerinnen und Künstler aus den Partnerstädten sollen eingeladen werden, ihre Kunst in Ausstellungen der Partnerstädte zu zeigen.
  • Kinder und Jugendliche werden über die Schulen beteiligt; so sollen Schulen eingeladen werden, eine Wand mit charakteristischen Merkmalen einer Partnerstadt zu gestalten.

So  machen wir unsere Partnerstädte im Stadtbild sichtbar und lassen sie zu einem Teil unserer eigenen Umgebung werden.
Außerdem möchten wir, wie bereits vorhin angesprochen, mit den Menschen ins Gespräch kommen zu unseren verbindenden Themen Strukturwandel und Europa. Dazu möchten wir, wenn möglich, Partnerschafts -Guides ausbilden, die an unterschiedlichen Orten, z.B. in Schulen und Betrieben, Städtepartnerschaften vorstellen und kompetent für Europa werben.
Und schließlich brauchen wir natürlich auch den Austausch zwischen unseren verschiedenen Partnerschaftsvereinen und Initiativen. Da möchten wir perspektivisch einen gemeinsamen Arbeitskreis einrichten, damit wir uns bei unseren geplanten Aktivitäten absprechen können. Sie sehen: es gibt im Moment sehr viel Bewegung – wir sind gespannt, was wir alles erreichen können!

Herr Meyer, vielen Dank für das Interview!

Interview: Beate Brockmann

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Die Festigung der Städtepartnerschaften in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit Kommunen und Zivilgesellschaft steht im Mittelpunkt unseres Projekts.

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